Mittwoch, 5. April 2017

[Damals und heute] Tote Mädchen lügen nicht

"Tote Mädchen lügen nicht" habe ich zum ersten Mal 2011 gelesen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich es richtig gut fand und die Rezension, die zu den ersten auf meinem Blog gehörte, stimmt mir da zu. Gerade habe ich das Buch fast 6 Jahre später zum zweiten Mal beendet und möchte vergleichen, inwiefern sich meine Meinung geändert hat.


In diesem Buch geht es um Clay, der eine Schachtel mit Kassetten vor seiner Tür findet. Als er sie anhört stellt er fest, dass es Sprachaufnahmen von Hannah sind, dem Mädchen in das er verliebt war und das sich vor kurzem umgebracht hat. Auf diesen Kassetten spricht sie über die Gründe, die sie dazu gebracht haben und erklärt es den Leuten, die mit dafür verantwortlich waren.

Dass einen hierbei keine leichte und lustige Lektüre erwartet, sollte klar sein. Damals habe ich es so formuliert: Es geht total unter die Haut und regt zum nachdenken an. Hier kann ich meinem Vergangenheits-Ich völlig zustimmen. Was besonders auffällt ist, dass Gründe genannt werden, die die meisten gar nicht als Gründe erkannt hätten. Niemand in der Geschichte hat gemerkt, was Hannah durchmacht, weil es auf Außenstehende nicht so schlimm wirkt wie für sie als Betroffene. Das ist genau das, was mich damals etwas gestört hat, aber heute sehe ich das völlig anders. Zwar habe ich es in meiner Rezension nicht erwähnt, aber insgeheim fand ich die Gründe ein bisschen zu "schwach", weil sie mir gar nicht so schlimm vorkamen. Heute bin ich älter, minimal reifer und sehe die Sache eindeutig anders. Ich verstehe sie besser und verstehe auch, dass vieles davon gewisse Folgen hatte, die ich damals nicht gesehen habe. Das ist natürlich Sinn des Buches: dem Leser klarmachen, was für einen Einfluss man ständig und mit jeder seiner Entscheidungen auch auf andere Menschen hat. Selbst wenn es einem selbst nicht so vorkam, kann es doch sein, dass es jemand anderem viel mehr bedeutet als man denkt. Man sollte immer darauf achten, was man zu anderen sagt und wie man sie behandelt, denn für sie ist vielleicht nicht alles nur Spaß.

"Ich glaube, das ist der entscheidende Punkt. Niemand von uns weiß genau, wie viel Einfluss wir auf das Leben der anderen haben. In der Regel gibt es keine konkreten Hinweise, und so machen wir einfach weiter, ohne unser Verhalten zu überdenken."         - Seite 154 

Dem zweiten Kritikpunkt kann ich allerdings immer noch zustimmen, nämlich dem, dass Clay ständig dazwischen quatscht. Wir folgen in der Geschichte Clay, der sich die Kassetten anhört und währenddessen durch die Stadt wandert und die Orte besucht, von denen die Rede ist. Dabei erfährt man natürlich auch, was er sieht und was er dabei denkt, sowie seine Reaktionen auf das Gehörte. An sich gefällt mir das, allerdings gibt es Stellen, an denen entweder seine Kommentare nicht zu Hannahs Thema passen, oder sie sind so zerstückelt, dass sie alle paar Sätze unterbrochen wird und man ein paar Worte von Clay hört, die eigentlich zusammengehören. Ich verstehe, dass so gezeigt werden soll, dass diese Dinge gleichzeitig passieren, aber das ändert nichts daran, dass ich dadurch immer wieder aus dem Lesefluss gerissen und verwirrt wurde, weil ich nachschauen musste, worauf er sich da bezieht. Das hätte man also eleganter lösen können.

Was mir sehr gefällt, ich aber damals nicht erwähnt habe, ist Hannahs Erzählweise. Sie erzählt stellenweise so trocken und mit Sarkasmus und an anderen Stellen so gefühlvoll, dass ich sie einfach mögen muss.


Fazit

Nach wie vor ein extrem wichtiges Buch, was mich bis auf eine Kleinigkeit sehr überzeugt. Heute verstehe ich es aber besser als damals mit 14 und kann deshalb nur empfehlen, es noch mal aus einer anderen Perspektive zu lesen, wenn es euch damals genauso ging.

Kommentare:

  1. Was für eine coole Idee! :) Ich finde es auch total spannend, Bücher ein zweites Mal zu lesen und zu sehen, wie sich der Blick darauf verändert hat. Ich habe "Tote Mädchen lügen nicht" vor zweieinhalb Jahren (Goodreads sei Dank!) zum ersten Mal gelesen, aber ich kann mich kaum daran erinnern, ob ich es mochte oder nicht - am besten, ich lese es bei Gelegenheit auch noch ein zweites Mal. :)
    Sehr schöne, besondere Rezension von dir - und vor allem ein interessanter Einblick!

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    1. Schön dass es dir gefällt :) Ich fand das bot sich einfach an, gerade weil ich ja zufällig sogar die "Rezension" dazu hatte und es schon so lange her war. So hätte ich nämlich auch nicht mehr viel gewusst. :D
      Dann berichte danach gerne mal, ob dir auch ein Unterschied auffällt, wenn du daran denkst :)

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  2. Sehr interessanter Beitrag! Ich hab das Buch auch vor fünf oder sechs Jahren gelesen und fand es super genial. Ich fand es so toll, dass ich es gleich zweimal hintereinander gelesen habe. Es reizt mich nun zwar schon wegen des grossen Hypes, es erneut zu rereaden, aber ich lese eher selten Bücher zwei, geschweige denn dreimal.
    Liebste Grüsse
    Julia

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    1. Danke! Ich wollte es sowieso noch mal lesen, weil ich mich noch daran erinnern konnte, dass ich es so gut fand und dass die Serie jetzt rausgekommen ist, war einfach ein guter Anlass dafür. Ich rereade auch selten (wenn ich es nicht gerade als Erinnerungsstütze für die Fortsetzung brauche), möchte das aber eigentlich mal mehr tun. Vielleicht führe ich die Beitragsreihe dann auch fort.
      Liebe Grüße!

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  3. Vielleicht kaufe ich mir das Buch auch nochmal und lese es ein zweites Mal ... du hast mir mit deinem Vergleich total Lust auf den Roman gemacht. :)

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    1. Dann habe ich mein Ziel ja erreicht :D

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  4. Ich hab das Buch noch nicht gelesen, aber ich kenne das Gefühl, dass man nicht verstehen kann, wieso sich manche Leute an Dingen stören, die einem selbst nicht ausmachen. Das wird sich auch mit dem Älterwerden nicht ändern, dass man immer mal wieder überrascht wird davon, dass man Menschen auf die Füße getreten ist, ohne dass man es wollte und ohne dass man es selbst gemerkt hat. Weil das Gegenüber etwas als unhöflich oder interesselos oder frech empfindet, was man selbst für ganz normales Verhalten hält.
    Interessant, wenn dieser Aspekt in diesem Buch ein Rolle spielt.
    Danke für die Buchvorstellung.

    LG Gabi

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    1. Da hast du natürlich recht, das empfindet einfach nicht jeder gleich. In diesem Fall ist es aber tatsächlich so, dass ich erst jetzt nachvollziehen konnte, wieso die Protagonistin manche Sachen so schrecklich fand, weil man sich da noch keine Gedanken drüber macht, wenn man jünger ist, wobei ich andere Aspekte immer noch für "nicht so schlimm" halte.
      Aber stimmt natürlich, es wird immer darauf ankommen, wer betroffen ist und wie da das jeweilige Empfinden ist.

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  5. Guten Morgen,

    das ist ja eine coole Idee, ein Buch nocheinmal zu rezensieren und die Unterschiede zu damals erläutern!
    Ich habe das Buch auch vor gut 5 Jahren gelesen und es hat mir auch super gefallen. Ein wirklich sehr wichtigse Buch. Das Gequatsche von Clay ging mir auch auf die Nerven.

    Sehr wichtig ist auch der Punkt den Du beschreibst, dass ich mit meinem Handeln jemanden so tief verletzen kann, dass es nachhaltige Folgen hat, ohne dass es mir selber bewusst ist. Auch das Zitat dazu gefällt mir sehr gut.

    Ich hatte da mit 14 auch mal ein eindrückliches Erlebnis. Ich habe rote Haare und bin deswegen in der Schule oft gehänselt worden. Für mich war das natürlich die Katastrophe und in jeder Pause hat es mich alle Kraft gekostet, nicht los zu heulen. Einmal hat mich dann eben wieder ein Klassenkamerad geärgert und es kam ein anderer dazu und meinte, er soll mich in Ruhe lassen. Daraufhin meinte der andere, mir würde das nichts ausmachen, sonst würde er das ja nicht tun. O.o Du kannst Dir vielleicht vorstellen, wie ich geguckt habe.
    Natürlich war das danach immer noch schlimm, aber ich hatte nicht mehr das Gefühl, er tut das, um mich zu vernichten.

    Liebe Grüße
    Lilly

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    1. Danke! Ich fand das bietet sich einfach an, weil mir eben aufgefallen ist, dass ich das mittlerweile ein bisschen anders sehe, also wieso nicht darüber schreiben?
      Schön, dass du mir da zustimmst.

      Oh je, das ist natürlich mies. Aber genau, oft werden Dinge von anderen einfach als Spaß angesehen und sie merken gar nicht, wie verletztend das eigentlich ist. Schön, dass sich da wenigstens jemand auf deine Seite gestellt hat, das scheint die Situation ja wenigstens minimal verbessert zu haben. Tut mir trotzdem leid, dass du das durchmachen musstest und danke fürs erzählen!

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  6. Die Idee find ich cool! Ich kenne das Buch noch nicht, bin aber durch die Serie darauf aufmerksam geworden. Das Thema finde ich total interessant und überlege, es jetzt auch noch zu lesen. Dass dir das Buch heute noch genauso gut bzw. noch besser gefällt als damals, spricht ja eindeutig für dafür. ;)
    Liebe Grüße
    Anka

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    1. Ich kann es auf jeden Fall empfehlen! Ich habe die Serie bisher nur teilweise gesehen, aber bisher würde ich schon sagen, dass es unterschiedlich genug ist, um trotzdem interessant zu sein. Die Stimmung und die Darstellung unterscheiden sich meiner Meinung nach zumindest ziemlich.
      Liebe Grüße!

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  7. Huhu Jacquy,

    das finde ich ne richtig tolle Sache. Also das du das Buch ein zweites Mal gelesen hast. Ich hab gerade die Serie auf Netflix beendet und bin auch am Überlegen ob ich das Buch nochmal lesen soll. Ich glaube, das man beim zweiten Mal immer Dinge wahrnimmt, die einem vielleicht beim ersten Mal nicht so aufgefallen sind oder nicht so wichtig waren.

    Sehr coole Sache also und ja ich stimme dir zu, das dieses Buch nach wie vor wichtig ist. Ich hab damals zu meiner Nichte gesagt, es sei ein Buch das man eigentlich in der Schule lesen sollte, weil es so eine wichtige Botschaft enthält und dieser Standpunkt ist bis heute geblieben. Eigentlich wäre es sogar heute wichtiger denn je.

    Liebe Grüße Ina

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    1. Hi Ina,
      danke, freut mich dass dir der Beitrag gefällt!
      Da kann ich auf jeden Fall zustimmen, das wäre eine sehr gute und wirklich wichtige Schullektüre.

      Liebe Grüße!

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  8. Das ist wirklich ein sehr interessanter Beitrag!
    Ich habe das Buch im März zum ersten Mal gelesen, also mit 23. Ich denke, mit 17 hätte ich auch ganz anders darüber gedacht und ihre "Gründe" auch als zu "schwach", nicht so dramatisch, angesehen. Heute kann ich ihre Gründe eher nachvollziehen, man macht sich mehr Gedanken darüber.
    Ich finde dieses Buch wirklich sehr wichtig und auch gut als Schullektüre, da es einfach ein sehr wichtiges Thema anspricht.

    Ganz tolle Rezension!
    Liebe Grüße
    Charline

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    1. Dankeschön!
      Ich war beim ersten Lesen erst 14, darum denke ich, dass der Unterschied da noch mal etwas größer ist, aber schön dass du nachvollziehen kannst, was ich meine.
      Sehe ich auch so!

      Danke für deinen Kommentar :)
      Liebe Grüße!

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  9. Weil ich gerade die Netflix-Serie dazu angefangen haben (die ich bisher ziemlich gut finde), habe ich auch neulich überlegt, ob ich das Buch nochmal lesen sollte. Ich weiß auch nur noch, dass ich es damals ziemlich gut fand. Und in meiner Rezension habe ich damals auch diese Erkenntnis gelobt, dass alles, was man tut, Auswirkungen auf andere hat, auch, wenn wir diese nicht immer erkennen.
    Ich bin damals allerdings auch zu dem Schluss gekommen, dass Hannah sich selbst auch irgendwann zurückgezogen und zB Clay, der ihr nichts getan hat, nicht mehr an sich herangelassen hat.
    In jedem Fall behandelt das Buch ein enorm wichtiges Thema und regt zum Nachdenken an und ausnahmsweise finde ich es mal gut, dass es verfilmt (bzw verseriet ^^) wurde, weil die Botschaft so vielleicht noch mehr Leute erreicht.

    Hast du die Serie schon gesehen?

    Liebe Grüße :),
    Charlie

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    1. Ich habe angefangen die Serie zu gucken, bin aber erst bei Folge 4 oder 5. Dass sie produziert wurde finde ich auch wirklich gut, weil Netflix Serien noch mal eine größere Reichweite haben als ein Buch, würde ich einfach mal behaupten, zumindest aktuell und bei der Zielgruppe. Da wird man praktisch drauf gestoßen und kann einfach mal reinschauen und muss nicht erst mal irgendwie auf das Buch aufmerksam werden und es kaufen. Das macht es schon irgendwie einfacher. Also ja, ich hoffe auch dass viele Leute die Botschaft so noch mitnehmen können. Das Buch ist ja auch schon von 2010 (?), da sind heute ja wieder ganz andere Leute angesprochen als zur Veröffentlichung, darum finde ich es auch gut, dass es da so eine lange Pause gab.

      Liebe Grüße!

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  10. Huhu!

    Ich gebe zu, dass ich lange Zeit nicht mitgekriegt hab, dass es überhaupt ne Serie zu dem Buch geben würde. Jetzt hab ich mir die Serie fast in einem Rutsch angeschaut und überlege, ob ich das Buch lesen soll ... Bei uns in der Buchhandlung steht aktuell sogar in der Jugendbuchabteilung ein Messedisplay mit dem Serienmotiv (wo Clay vorne drauf ist), das mir als Cover für das Buch deutlich besser gefällt als dieses rote Motiv. Wobei Hörbuch hier auch total interessant wäre ... Das mit dem Dazwischenquatschen hab ich übrigens auch schon von anderer Seite her gehört, das wäre vielleicht auch beim Hörbuch nicht so schlimm?

    Liebe Grüße
    Marie

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    1. Ich habe auch erst von der Serie erfahren als sie schon fast rauskam, ich bin da nie besonders gut informiert sondern merke das erst wenn der Hype bei mir ankommt :D Vom Cover war ich auch nie ein großer Fan, da hätte man sicher irgendwas cooles mit Kassetten machen können statt diesem simplen Motiv.
      Stimmt, das Hörbuch würde mich auch interessieren. Wenn es unterschiedliche Stimmen sind, kann man vielleicht wirklich besser auseinanderhalten, wer spricht. Im Buch ist das zwar auch gekennzeichnet, aber so wird das vielleicht auch im Kopf besser getrennt.

      Liebe Grüße!

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